Filmtournee "Platzangst" im Hunsrück und am Rhein
Vorüberlegungen und Hintergrund
"Platzangst" ist ein Film, der sich in besonderer Weise für den pädagogischen Einsatz in der Schule bzw. Jugendarbeit eignet. Nicht allein durch die Themen Intoleranz, Vorurteile und Rechtsradikalismus, sondern auch durch seine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte, den LaiendarstellerInnen, dem überdurchschnittlichen Engagement der Filmemacherin und dem Bezug zu einer wahren Begebenheit. "Platzangst" ist daher kein Kinofilm im herkömmlichen Sinne, sondern ein jugendpädagogisches Projekt.
Dabei gelingt es dem Film die Lebenswelten der Jugendlichen glaubwürdig darzustellen, frei von Klischees und Vorurteilen. Dies liegt vor allem an der unorthodoxen Herangehensweise der Regisseurin, die ausschließlich mit LaiendarstellerInnen aus Brandenburg den Film realisierte. Die Dialoge wurden von den Jugendlichen über Improvisation erarbeitet. Frau Schober recherchierte auch monatelang in der rechten Szene um der Gefahr zu entgehen, einen Film voller Klischees zu produzieren. Ihr gelang es sogar, gemäßigte "Skins" aus der rechten Szene sowie linksorientierte Jugendliche für die Mitwirkung am Film zu gewinnen.
Der Film geht den Problemstellungen nach, warum vor allem Jugendliche bereit zu gewalttätigem Verhalten sind oder was dazu führt, dass sich Menschen nach außen abschließen und ihre Zeit fast nur noch in eigenen Zirkeln und Cliquen verbringen. "Platzangst" nähert sich dieser Problematik objektiv und ohne zu verurteilen. Die Skins werden z.B. nicht als festgefahrene Typen gezeigt. Selbst da gibt es Unterschiede, die hoffen lassen, dass bei einigen noch Veränderungen im positiven Sinn einsetzen können. Durch das offene Ende werden die ZuschauerInnen angeregt, sich mit der Handlung aktiv auseinander zu setzen und selbst nach Lösungen zu suchen.
Organisation der Tournee
Roland Unger vom Jugendcafé Simmern wird im Frühjahr 2003 durch die Filmkritik im "Filmdienst" auf den Film "Platzangst" aufmerksam. Schnell entsteht die Idee, in Kooperation mit dem ortsansässigen Pro-Winzkino den Film als Schulvorstellung bzw. im Programmkino zu zeigen und zu versuchen, die Regisseurin für ein Gespräch nach dem Film mit den Zuschauern einzuladen. Um möglichst viele Menschen zu erreichen, soll in Kooperation mit dem Landesfilmdienst Rheinland-Pfalz e.V., Projekt toleranz:do.it, und der Kreisverwaltung des Rhein-Hunsrück-Kreises eine kleine Tournee des Films mit der Regisseurin durch das nördliche Rheinland-Pfalz stattfinden.
Ab Juni 2003 werden von Roland Unger und Dagmar Petri (Kreisjugendförderung des Rhein-Hunsrück-Kreises) gezielt Jugendeinrichtungen, Schulen und Kinos angefragt. Parallel wird die Tour durch Veröffentlichungen im Newsletter von jugend.rlp und auf der Homepage von LOKAL GLOBAL beworben.
Schwierigkeiten entstehen durch offenbar schlechte schulinterne Kommunikation. Oft ist nur durch persönliche Kontaktaufnahme mit LehrerInnen eine Kooperation möglich. Rascher Erfolg stellt sich bei Schulen ein, wo den InitiatorInnen LehrerInnen persönlich bekannt waren.Diese konnten dann als MultiplikatorInnen fungieren.
Ablauf der Vorstellungen
Bei den Vorstellungen begrüßte Roland Unger als Initiator und Organisator der Veranstaltung, das Publikum, stellte die Regisseurin Heike Schober vor, gab Infos über die Tournee und nannte die Kooperationspartner. Anschließend führte Heike Schober in den Film ein. Nach Filmschluss stellte sich Heike Schober den Fragen des Publikums.
Auswertung: Die Daten
Platzangst wurde in der Zeit vom 03.11.03 bis 07.11.03, 12. und 13.11.03 und 01. und 02.12.03 in
- vier Kinos (Boppard, Nastätten, Simmern, Kastellaun),
- einer Schule (Hauptschule Traben-Trarbach) und
- zwei Jugendräumen (Unkel, Linz)
gespielt.
Zehn Schulen (Wilhelm-Hofmann-Gymnasium St. Goarshausen, Herzog-Johann-Gymnasium Simmern, BBS Simmern, Regionale Schule Sohren, IGS Kastellaun, Hauptschule Kirchberg, Realschule Emmelshausen, Regionalschule Boppard, Hauptschule Traben-Trarbach, Sonderschule Simmern), zwei Jugendräume (Unkel, Linz) und eine Übergangswohnstätte (Boppard) nahmen das Angebot einer eigenen Vorstellung in Anspruch. Es gab weiterhin zwei öffentliche Vorführungen in Simmern und Boppard.
Insgesamt sahen 1.521 ZuschauerInnen den Film. Davon waren 1.428 SchülerInnen, 20 Jugendliche aus Jugendräumen, 40 Jugendliche aus der Übergangswohnstätte Boppard und 33 ZuschauerInnen aus den öffentlichen Vorstellungen.
Auswertung: Reaktionen der SchülerInnen
Die Dauer der Gespräche ging i.d.R. 30 bis 60 Minuten. Alle Vorstellungen liefen ohne Probleme ab. Bei den Schulvorstellungen gab es hinsichtlich des Verhaltens der SchülerInnen der einzelnen Schultypen keine gravierenden Unterschiede. Alle SchülerInnen zeigten während der Vorstellungen ein diszipliniertes Verhalten. Der Film schien die Jugendlichen zu fesseln. Auch bei der anschließenden Gesprächsrunde engagierten sich die Jugendlichen wider Erwarten sehr gut. Hier waren bei der Quantität und Qualität der Meldungen keine gravierenden Unterschiede zwischen den Schultypen auszumachen. Der Einstieg ins Gespräch wurde durch den offenen Schluss erleichtert, wobei es Heike Schober immer wieder gelang, die Schüler durch ihre engagierte Art bei der "Stange" zu halten. Sie hatte keine Probleme sich auf die unterschiedlichen Gesprächssituationen mit den einzelnen Klassen einzustellen.
Auswertung: Vor- und Nachbereitung in den Schulen
Differenzen wurden zwischen vorbereiteten und unvorbereiteten Klassen deutlich. Die vorbereiteten SchülerInnen zeigten sich eher mit der Thematik des Films vertraut und stellten deshalb auch tiefer gehende Fragen als ihre AltersgenossInnen. Das Engagement der meisten LehrerInnen war zumeist nicht besonders ausgeprägt. Sie verhielten sich während der Veranstaltung meistens passiv und hatten ihre Klassen nicht vorbereitet. Nur vereinzelte LehrerInnen kündigten an, dass sie den Film im Unterricht noch einmal nachbereiten wollten.
Fazit
Insgesamt kann man das positive Fazit ziehen, dass es der Veranstaltung gelungen ist, dass sich die meisten Jugendlichen mit dem Film und seiner Thematik auseinander gesetzt haben. Durch seine Authentizität und der Anwesenheit der Regisseurin erreichte er eine hohe Anerkennung bzw. Glaubwürdigkeit bei den ZuschauerInnen. Das ist bei professionell gemachten "Aufklärungsspots" oder Kinofilmen leider nicht oft zu beobachten.
Bericht: Roland Unger, Simmern

